Home Office

28. März 2021 Alexander M. Schmid

Home Office. Jener Platz in den eigenen vier Wänden der für den täglichen Brotjob verwendet wird. In letzter Zeit ein stark frequentiertes Plätzchen seitdem es für manche verpflichtend und andere optional geworden ist, nicht mehr in das vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellte Büro zu fahren. Coole Sache, oder? Man spart sich den Anfahrts- und Heimweg, man kann länger schlafen und muss – dank Videokonferenzen – nur den Oberkörper bekleiden. Eigentlich nur Vorteile, oder?

Der Ort Büro

Das was man unter einem Büro versteht ist inzwischen so vielfältig wie es Farbschattierungen gibt. Von kleinen Einzelzimmern, über sogenannte Cubicles in Großraumbüros bis hin zu offenen Großraumbüros mit so gut wie keiner räumlichen Abtrennung, von spartanisch eingerichtet bis zu kuscheligen Lounges mit Sofas und dem Tischfussballtisch im Eck reicht die Bandbreite an architektonischen Lösungen wie mehrere Menschen an einem Ort zusammenarbeiten sollen.

Besonders die Start-Up-Kultur aus den USA hat hier einen massiven Einfluss in die Gestaltung genommen. Gleichzeitig haben sich die Kommunikationsmittel verändert und die Art unserer Jobs ebenso. Aktuell, also vor der Pandemie, sitzen viele Menschen in Großraumbüros, welche die Intention hatten die Kommunikation zu fördern. Da es kaum abgetrennte Bereiche gibt, ist es unumgänglich die Gespräche anderer Kolleginnen und Kollegen mit anzuhören. Das kann genauso hilfreich wie auch störend für die eigene Konzentration sein. Anpassungsfähig wie der Mensch ist, sitzen nun viele mit Active-Noise-Cancelling Kopfhörern in den Großraumbüros um sich zumindest zeitweise konzentrieren zu können und schicken sich gegenseitig verstärkt E-Mails oder nutzen Instant Messaging Dienste. Das war von den Architekten anders gedacht.

Kontrolle

Großraumbüros bieten den zusätzlichen Vorteil, dass Führungskräfte viel einfacher den Überblick behalten können, wer gerade anwesend ist und – zumindest optisch – den Eindruck von eifriger Beschäftigung erweckt. Diese Kontrolle fehlt nun bei verstärkter Home Office Arbeit und bereitet vielen Führungskräften Kopfschmerzen. Hier wird der verabsäumte Wechsel von einer anwesenheitsorientierten Führung zur ergebnisorientierten Führung offensichtlich. Wenn Mitarbeiter, die hauptsächlich durch das persönliche Nachfragen der Führungskraft ihre Arbeit erledigten plötzlich auf sich alleine gestellt sind und sich selbst die Arbeit strukturieren müssen, ist es nicht verwunderlich, dass die Effizienz stark abnimmt.

Infrastuktur

Auch im Jahr 2021 ist die einfache Möglichkeit auf Daten und Systeme von außerhalb der Firmenbüros zuzugreifen noch immer kein Standard der allen MitarbeiterInnen zur Verfügung steht. Das beginnt bei nur teilweise mobiler Hardware in Form von Laptops oder Tablets und endet bei sicheren Zugriffsmöglichkeiten per VPN (Virtuelles Privates Netzwerk) oder Webapplikationen. Dazu kommt, dass der Internetzugang daheim normalerweise für andere Anforderungen ausgelegt ist, als für den stabilen ganztägigen Einsatz. Sollen diese Infrastruktur dann auch noch mehrere Menschen gleichzeitig nutzen – der/die PartnerIn ebenfalls im Home Office und die Kinder für Home Schooling, stößt man rasch an technische Grenzen. Von der technischen Seite mal abgesehen, ist da ja noch die räumliche Situation. Selten hat man genug Raum daheim, um allen MitbewohnerInnen einen eigenen, ruhigen Platz mit stabiler Internetverbindung anbieten zu können. Ein Küchentisch oder die Couch taugen zwar für kurzes E-Mail checken und beantworten aber nicht um längeren Online-Workshops zu folgen oder umfangreiche Tabellenkalkulationen oder Präsentationen zu erstellen.

Home Office Semantik

Jeder der Räume in unserer Wohnung hat einen Namen mit dem wir eindeutige Tätigkeiten verbinden. Im Wohnzimmer wird gewohnt, in der Küche gekocht, im Schlafzimmer geschlafen. Wenn wir jetzt den Luxus eines eigenen Zimmers haben welches wir Home Office nennen, nehmen wir unbewusst die Assoziationen aus dem Firmenoffice mit nach Hause. In der digitalisierten always-on Welt ist das abschalten schon schwer genug geworden. Darauf noch eine möglicherweise negative Bedeutung mit nach Hause zunehmen um dann dort in das Home Office zu gehen oder mangels dessen die ganze Wohnung mit der negativen Assoziation zu belegen, ist nicht sehr hilfreich.

„Achte auf deine Gedanken, sie werden zu Worte. Achte auf deine Worte, sie werden zu Taten.“ Es ist also einen Versuch Wert, über einen anderen Begriff nachzudenken. Vielleicht Studio oder Atelier?

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