einfach.wöchentlich #68 | Demo[kratie]

Posted on Juli 1, 2018

Demo[kratie] 

Gestern war ich zum ersten Mal bei einer richtigen Demonstration. Bei anderen Anlässen waren mir das nicht so wichtig oder ich war der Meinung, dass anstatt einer Demonstration andere Mittel besser geeignet wären um etwas zu erreichen. Gestern war das anders.

Partizipation
In Mitteleuropa leben wir in Demokratien, die unsere Mitbestimmung und Mitgestaltung am gesellschaftlichen Miteinander verlangen. Wahlen sind dafür das gängigste Mittel. Auch online gibt es immer mehr Möglichkeiten sich per Mausklick in Form von Online-Petitionen zu engagieren. Noch nie war es einfacher für oder gegen etwas zu sein und trotzdem hat man das Gefühl, dass sich eine gewisse Wurschtigkeit breit macht.

Ein Klick ist nicht genug
Das wir uns in den letzten 10 Jahren jene Genugtuung selbst anerzogen haben die wir durch einen Klick erfahren, ist inzwischen zur Krux der Sache geworden. Noch sind wir nicht soweit, dass wir über alles per Klick entscheiden oder abstimmen dürfen. Ich habe auch noch Zweifel, dass das fürs Mensch sein eine gute Idee ist. Es macht einfach einen Unterschied, ob ich auf ein Posting hundert Likes bekomme oder die gleichen hundert Menschen vor meiner Haustüre stehen und mir damit Ihre Zustimmung ausdrücken.

Spüren 2.0
In meinem Artikel „Wieviel analog braucht digital“ vor zwei Jahren, habe ich meine Beobachtung formuliert, dass bei all den Vorzügen, die digitale Kommunikation und Produktion mit sich bringen, im gleichen Ausmaß wieder das Verlangen nach haptischen Erlebnissen steigt. Für das gesellschaftliche Zusammensein wird das „auf die Straße gehen“ wieder wichtiger werden. Nur das persönliche Erlebnis in der Menge mitzugehen bewirkt den Eindruck den es braucht um Veränderungen in uns selbst und bei anderen anzustoßen. Ebenso wichtig ist die Vorbildwirkung für die Jugend. Kinder die mit zu Demos genommen werden lernen so, dass es eben Dinge gibt für die es sich lohnt auf die Straße zu gehen. Genauso wie es im Lied „Großvater“ von STS: „… a Meinung habn, dahinterstehn“ formuliert wurde.

Solidarisch sein
Uns begegnen täglich Themen bei denen wir uns „Und, was geht mich das an?“ fragen. Zumeist weil wir nicht direkt davon betroffen sind oder uns nicht ausmalen können irgendwann einmal davon betroffen sein zu können. Manche Themen sind, zugegeben, auch sehr komplex um sie für sich entsprechend einzuordnen und vielleicht ein anderes Verhalten anzunehmen. Trotzdem hindert uns niemand daran, sich mit anderen Menschen solidarisch zu zeigen, damit sich deren Situation zumindest nicht verschlechtert oder gar verbessert. Es ist nicht lange her, als in Österreich über geänderte Arbeitszeiten für Ärzte heftig diskutiert wurde. Jeder Nicht-Arzt könnte sich nun zurücklehnen und einfach nur zusehen ob die Ärzte nun Verbesserungen für sich erstreiten oder nicht. Andererseits, jeder von uns erwartet sich eine top motivierte und ausgeschlafene Ärztin wenn man ins Krankenhaus eingeliefert wird um behandelt zu werden. Es braucht weniger die Überlegung was würde ich an deren Stelle machen, sondern mehr die Überlegung, wie es wäre wenn ich von den Betroffen situationsbedingt abhängig bin.

Smart arbeiten? Fehlanzeige. 
Bei der gestrigen Demo ging es um eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten – die 12 Stunden Frage. Es wurde mit der österreichischen Usance gebrochen mit den Sozialpartnern zeitgerecht in Kontakt zu treten um eine entsprechende Einigung zu erzielen und erst dann das Gesetz zu ändern. Abgesehen von diesem Foulspiel der Regierung beschäftigt mich eine andere Frage: in der angebrochenen Zeit der Digitalisierung und Robotisierung, in einer Zeit in der so gut wie alles „smart“ geworden ist, warum glauben viele Vertreter der Industrie, dass nur mit noch mehr [flexibler] Arbeitszeit ein Vorsprung zur Konkurrenz zu schaffen ist? Sollte  es in einer smarten Arbeitsumgebung nicht genau umgekehrt sein?

Es wird Zeit öfters zu demonstrieren, dass es anders auch geht. Es einfach machen und vorzeigen oder durch gemeinsames, solidarisches Zustammenstehen um die Veränderung selbst zu gestalten. Seien wir öfter persönlich präsent. Besonders wenn es uns selbst nicht direkt betrifft. Irgendwann wird es das.
Es hat schon seinen Sinn warum Demo in Demokratie steckt.

Ihnen einfach eine gute Woche,
Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.

P.S.: Zufall, dass diese Kolumne die 68te ist? Die 68er lassen grüßen.