einfach.wöchentlich #87 | Unfertig

Posted on November 11, 2018

Unfertig

Erst wenn Sie die Software fertig programmiert haben werden wir testen.“ Eine Aussage die ich noch immer ziemlich oft höre. Erstaunlich, da inzwischen in sehr vielen Lebensbereichen eine iterative Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen stattfindet. Warum haben also noch viele Menschen ein Problem mit schrittweiser (Weiter)Entwicklung und warum verursacht „unfertig“ Stress?

Enttäuschte Erwartungen
Ich habe nun seit fast zwanzig Jahren mit der IT-Branche zu tun und seit Anbeginn beobachte ich die Kluft zwischen vollmundigen Versprechungen von gewieften Verkäufern und der tatsächlichen Umsetzung von vermeintlichen Lösungen. Das liegt daran, dass selten die Betroffenen an den Entscheidungsprozessen mitwirken dürfen. Verstärkt wird diese Kluft noch dadurch, dass in vielen Fällen die bestehenden Prozesse an die Lösung angepasst werden und nicht umgekehrt. Als Draufgabe wird dann meistens zu wenig bis gar nichts in entsprechende Schulungen investiert um wirklich die Lösung so zu nützen damit ein messbarer Mehrwert entsteht.

Technik löst keine organisatorischen Probleme 
Diese Aussage mag auf den ersten Blick irritieren. Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass ungelöste organisatorische Probleme nicht durch Technik gelöst werden können, da die Technik nur das Vorhandene abbildet und unterstützt. Ganz besonders deutlich wird das in der Digitalisierung. Ja/Nein Entscheidungen sind für Computer ein Klacks, ein „vielleicht“ ist bis heute noch nicht möglich. Nicht umsonst zieht das pointierte Zitat „Wenn Sie einen scheiß Prozess digitalisieren, haben Sie danach einen digitalen Scheißprozess.“

Vertrauensverlust
Die enttäuschten Erwartungen der Vergangenheit haben viel verbrannte Erde hinterlassen. Die früheren Softwareprojekte haben den Eindruck hinterlassen, dass bei der Implementierung viel Zuarbeit notwendig war und nach der Inbetriebnahme gefühlt noch mehr Nacharbeit geleistet werden musste. Alles ohne merkbaren Qualitätsgewinn oder positive Rückmeldungen der KundInnen. Daher ist es verständlich, dass sich heute bei neuen Projekten zuerst viele zurücklehnen und die „machen Sie mal“ Position einnehmen. Um diesen Vertrauensverlust wieder gut zu machen, ist einiges an Vorleistung angebracht.

Mit gutem Beispiel vorangehen
Führungskräfte sind gefordert, sich besonders um die Rahmenbedingungen zu kümmern, in denen der Wechsel von alt zu neu stattfinden soll. Das beginnt damit, dass ein, mit neuer Technologie einhergehendes, Verhalten auch selbst praktiziert wird. Wenn zum Beispiel ein Projekt mit Hilfe einer Projektmanagementsoftware unterstützt werden soll und die Projektteammitglieder darin ihre Aufgaben verwalten, dann darf sich die Führungskraft nicht davor drücken ebenfalls damit zu arbeiten. Ein altes Sprichwort lautet: „Eat your own dogfoood.“

Ein Schritt nach dem anderen
Da heute ja gerne agil gearbeitet wird, darf die Absolvierung von einem „Sprint“ nach dem anderen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei um eine schrittweise Annäherung an ein angestrebtes Ziel handelt. Im Unterschied zu früher, ist das Ziel aber in Bewegung. Und diese Bewegung ist schneller als noch vor zwanzig oder vierzig Jahren.

Impulskraft
Vor ein paar Jahren hatte ich die Gelegenheit ein paar Runden auf einem Fahrtechnikkurs im Auto eines Profirennfahrers mitzufahren. Abgesehen vom akustischen Erlebnis und den auf meinen Körper einwirkenden Beschleunigungskräften war ein Umstand besonders spannend. Die Impulse des Fahrers auf das Gaspedal und das Lenkrad erfolgten oft aber mit minimaler Ausprägung. Daraus kann man ableiten, dass einen kleine aber oftmalige Veränderungen sehr effizient voranbringen. Keine ruckartigen und anstrengenden Veränderungen. Diese werden nur notwendig, wenn längere Zeit im Status Quo verharrt wird. Meist ist dann in den Zeitungen von Restrukturierungsmaßnahmen oder gesundschrumpfen zu lesen.

Jeden Tag besser
Haben Sie sich schon einmal folgendes überlegt: eine Tätigkeit jeden Tag um nur ein Prozent besser als am Tag zuvor zu erledigen anstatt drei, sechs oder neun Monate auf die perfekte Lösung zu warten und inzwischen keine Verbesserung zu erzielen? Rechnen Sie es sich aus. Sie werden erstaunt sein, wie sehr eine unfertige Lösung, die sie laufend adaptieren und verbessern bereits mittelfristig jede angeblich perfekte Lösung überholt.

Ihnen einfach eine gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.