einfach.wöchentlich #78 | Exponentielles

Posted on September 9, 2018

Exponentielles 

Seit Menschengedenken war unsere Entwicklung als Mensch linear geprägt. Auf einem Zeitstrahl aufgetragen würde diese Entwicklungskurve am ehesten einer Sägezahnkurve entsprechen. Jetzt, wo die technologische Entwicklung einen so großen Stellenwert in unserem Menschsein eingenommen hat, haben wir es mit einer exponentiellen Entwicklung zu tun. Ungewohntes Terrain tut sich vor uns auf und viele fühlen sich dem passiv machtlos ausgesetzt.

Speed kills
Der österreichische Ex-Bundespräsident Heinz Fischer wurde in seinem Präsidentschaftswahlkampf gefragt was ihm zu „Speed kills“ einfällt. Er antwortete: „Speed kills ist ein Ausdruck von Andreas Khol. Er bedeutet: Je rascher man etwas durchpeitscht, umso weniger können sich die Betroffenen wehren.“ (Zitat Wiener Zeitung, 8.2.2006) Nun bin ich selbst auch kein Freund von ewig langen Diskussionen bei denen sich alle im Kreis drehen und dennoch ist es mehr denn je notwendig, Folgen von Entscheidungen zu bedenken. Manchmal sind auch erst die Folgen zweiter oder dritter Ordnung etwas, dass es zu berücksichtigen gilt.

Soziologisch langsam
Wir Menschen haben individuell gelernt, uns auch rasch auf geänderte Umstände einzustellen. Manchen gelingt das sehr gut, andere brauchen dafür etwas länger. Egal ob Sie nun zu den early Adoptern von neuen Gegebenheit gehören oder nicht, die heutige Entwicklung geht rascher voran als wir alle es bis her gewohnt sind. Einzig die Entwicklung als Gesellschaft hinkt noch immer weit hinter her. Das es noch immer in einem Drittel der Staaten verboten ist seine Homosexualität auszuleben ist nur ein Beispiel dafür wie lange solche Entwicklungen brauchen können. Im krassen Gegensatz konferierten erst Ende letzten Jahres die Vereinten Nationen darüber ob autonome Drohnen mit etwas Sprengstoff und Gesichtserkennung Menschen töten dürfen oder nicht. Alleine das über so ein Thema diskutiert wird, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Gesellschaftspolitisches Versagen
Außer dem malen von dystopischen Bildern hat die aktuelle Politik keine Idee oder Vorstellung davon wie mit der technologischen und damit untrennbar verbundenen gesellschaftlichen Entwicklung umzugehen ist. Ich erwarte mir keine fertigen Lösungen von der Politik (diese gibt es in der dynamischen Welt von heute nicht oder sind sehr einseitig erdacht) sondern vielmehr einen offenen Diskurs über die Art und Weise wie unsere Gesellschaft in den nächsten dreißig bis sechzig Jahren aussehen soll. Da ein Diskurs nur dann stattfindet wenn auch Menschen daran teilnehmen, sind Sie und ich gefordert uns daran zu beteiligen.

Begrifflichkeit
Beim diesjährigen Symposium des Ars Electronica Festival wurde erneut klar, dass es oft schon an einem gemeinsamen Verständnis der Begrifflichkeit scheitert. Wenn es selbst in der Wissenschaft schon unterschiedlichen Interpretationen zum Begriff Intelligenz gibt, wie wollen wir dann sachlich über künstliche Intelligenz diskutieren? Im Vortrag von Meredith Broussard [Artificial UnIntelligence – How Computers Misunderstand the World] wurde deutlich, dass in der Öffentlichkeit noch immer ein realitätsfernes, teils von Hollywood getriebenes Bild von künstlicher Intelligenz getrieben wird und die reale Bedeutung sowie Einflussnahme auf das tägliche Leben zu wenig Platz findet. Diese unabsichtliche Umdeutung der Begrifflichkeit in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist zu einem Problem geworden.

Zukunft gestalten statt verwalten
Auch wenn es jeder von uns nicht wahrhaben will, aber mit dem überlegten Umgang mit unserer Geldbörse haben wir als Gesellschaft große Gestaltungsmöglichkeiten. Unzählige Produkte und Dienstleistungen haben am Markt nicht bestanden, weil zu wenig Menschen dafür bereit waren dafür zu bezahlen. Ob dieses nicht bezahlen wollen aus ethischen, finanziellen oder persönlichen Gründen erfolgte ist dabei nicht relevant. Es wäre naiv zu glauben, dass manche dieser Entscheidungen nicht mit Nachteilen für einen selbst verbunden sind. Manchmal auf Kosten der eigenen Bequemlichkeit oder nicht mehr dazuzugehören. Genau dafür ist es notwendig, sich MitstreiterInnen zu suchen mit denen gemeinsam diese unbequemen Entscheidungen leichter zu tragen sind. Und wer weiß, vielleicht wird aus so einer anfangs kleinen Gemeinschaft dann doch eine Bewegung mit exponentiellem Wachstum.

Denkanstößiges für die bevorstehende Woche

  • Bei welchen Begriffen haben Sie zuletzt bemerkt, dass Ihr Gegenüber darunter etwas versteht als Sie?
  • Was könnten Sie tun um zu einem gemeinsamen Verständnis zu gelangen?
  • Welche Chancen eröffnen sich Ihnen durch dieses neue gemeinsame Verständnis?

Ihnen einfach eine gute Woche,
Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.