einfach.wöchentlich #66 | Flexibilität

Posted on Juni 17, 2018

Über Jahrzehnte fühlten wir uns in dem starren System Arbeit zu organisieren gefangen. Seit geraumer Zeit schlägt das Pendel nun in die Gegenrichtung umfassender Flexibiltät. Gibt es eine goldene Mitte zwischen Stabilität und Flexibilität und wenn ja, auf wessen Kosten erreichen wir diese?

Sei flexibel!
Der Ruf flexibel zu sein ereilt einen derzeit überall. Flexible Arbeitszeiten, flexible Ratenzahlungen, flexible Öffnungszeiten ja sogar flexible Meinungen und Standpunkte werden manchmal gefordert. Ein früherer österreichischer Verteidigungsminister prägte dazu den Ausdruck situationselastisch. Was bedeutet flexibel zu sein? In vielen Fällen wird flexibel als Synonym für anpassungsfähig verwendet. Das ist grundsätzlich eine gute Eigenschaft zumal diese uns Menschen das Überleben über Jahrtausende gesichert hat. Wir müssen uns aber im klaren sein, dass auch Flexibilität ihre Grenzen hat. Ein Gummiringerl ist sehr flexibel aber irgendwann hat es auch seine Dehnbarkeitsgrenze erreich und reißt. Und wenn es dann gerissen ist, gibt es keine Möglichkeit mehr es wieder zu reparieren.

Die Kosten der Flexibilität
Sich rund um die Uhr alles bestellen und liefern lassen zu können, ist eine tolle Sache. Solange man nicht vergisst, dass der eigene Vorteil und die eigene Bequemlichkeit für einen anderen Menschen weniger Flexibilität bedeutet, weil er sich nach meinem Wunsch richten muss. „Aber dann könnte diesen Job doch eine Lieferdrohen übernehmen?“ Ja, könnte sie. Aber das kostet dem Boten seinen Job. „Aber den Job mag er doch sowieso nicht!“ Das mag sein, jedoch muss man dann gleich hinterfragen warum er den Job nicht mag. Sind es vielleicht die selten dankbaren Kunden? Die starken Druck ausübende Führungskraft, die noch mehr und noch schnellere Auslieferungen fordert?

Stabilität vs Flexibilität
Wer mal in seinen eigenen Körper hineinschaut wird seine Wirbelsäule entdecken die ein Wunderwerk der Natur darstellt. Eine geniale Symbiose aus Stabilität und Flexibilität. Ohne der Wirbelsäule wären wir im wahrsten Sinne des Wortes haltlos. Wir wären ein schwabeliger, nur von der Haut zusammengehaltener Haufen an Gewebezellen und viel Wasser. Unfähig uns in irgendeiner Art fortzubewegen geschweige denn fortzupflanzen. Wir wären schlichtweg längst ausgestorben.

Halt geben
So wie der unser Körper braucht auch das menschliche und gesellschaftliche Miteinander eine stützende Struktur die unser miteinander ermöglicht. Die technologische Entwicklung hat uns bereits dabei geholfen, viele Interaktionen effizient zu flexibilisieren jedoch haben wir dabei inzwischen etwas über das Ziel hinausgeschossen. Wir müssen akzeptieren, dass es noch immer sehr viele Aufgaben gibt, die geregelte Anwesenheit erfordern. Eine Nachschwester im Krankenhaus kann einfach nicht mal so Home-Care betreiben und sich die PatientInnen mit nach Hause nehmen. Oder, weil gerade Fußball-WM ist, ein Tormann entscheidet für sich die Pause durchzuspielen um eine viertel Stunde früher Feierabend zu machen.

Verlässlichkeit
Bei all meinen bisherigen Erfahrungen habe ich beobachtet, dass mir Vorgaben die verlässlich eingehalten wurden (Termin beim Arzt, Paketlieferung, Besuch vom Installateur, etc.) wesentlich lieber geworden sind, als die vielleicht eventuell unter Umständen verfügbare Leistung rund um die Uhr. Spätestens wenn man seinen Teil der Vereinbarung eingehalten hat und die andere Seite ihren Teil nicht einhält, erkennt man die Nachteile von zu viel an Flexibilität. Es wäre spannend, wieviele der sich über nicht eingehaltene Fahrpläne aufregenden Menschen, selbst immer pünktlich sind.

Wer komplett flexibel ist kann keinen Halt geben.
Flexibilität funktioniert nicht einseitig.
Wer Flexibilität fordert muß auch Flexibilität geben.

Denkanstößiges für die bevorstehende Woche: 

  • Wem nehmen Sie Halt und Orientierung wenn alles flexibel ist?
  • Sind Sie bereit die von anderen geforderte Flexibilität auch selbst zu liefern?
  • Wenn alles geht, geht dann noch irgendwas?
Ihnen einfach eine gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.