einfach.wöchentlich # 120 | Rollenspiel

Posted on Juni 30, 2019

Rollenspiel

Tagtäglich finden wir uns in einem Rollenspiel wieder. Jeder spielt im privaten wie im beruflichen Kontext eine oder mehrere Rollen. Wie wichtig ist es, ein klares Rollenverständnis zu haben und in diesem Rollenspiel aufzugehen? 

Alles nur Theater
Vermutlich hat jeder von Ihnen bereits ein Theaterstück oder einen Film gesehen, in dem die Besetzung einfach gepasst hat und die/der jeweilige Besetzung die Rolle vollends ausgefüllt hat. Genauso sehen wir auch immer Fehlbesetzungen die entweder die erzählte Geschichte nicht verstanden haben oder im Gegensatz zu den anderen Darstellerinnen anders interpretieren. Das bringt Unruhe in das ganze Stück und macht es für die Zuseher weniger interessant. 

Hierarchie
In sehr vielen Unternehmen herrschen noch immer hierarchische Strukturen. Unabhängig von Qualifikation auf fachlicher und persönlicher Ebene, werden Positionen eingenommen die nicht zwangsweise mit dem Rollenverständnis einhergehen. Mit dem langsamen Aufkommen von prozessorientierten Organisationsformen ändert sich das. In einem Prozess (ein Handlungsstrang der großen ganzen Geschichte) nehmen mehrere Personen unterschiedliche Rollen (=Teilaufgaben) ein, um die gesamte Geschichte gemeinsam zu erzählen. (= Aufgabe erledigen) 

Rollenverständnis
Am Besten kann man ein sich änderndes Rollenverständnis bei wachsenden Unternehmen beobachten. Eine Person oder kleines Team gründet ein Unternehmen und jongliert die täglichen Aufgaben je nach den mitgebrachten Fähigkeiten und Interessen. Aufgrund der kurzen Kommunikationswege ist man aber noch in der Lage sich gegenseitig auszuhelfen. Wächst das Unternehmen, werden Aufgaben an weitere Personen delegiert und somit ändert sich die Rolle des/der Gründer/s vom selber machen zum organisieren und priorisieren. An dieser Veränderung scheitern viele Unternehmen, da damit das loslassen von den bisherigen Aufgaben verbunden ist und man erst in die neue Rolle hineinfinden muss. 

Probe(n)zeit
Vor jeder Premiere eines neuen Stücks wird im Theater ausgiebig geprobt. Die gleiche Zeit wird in Unternehmen bei neu eingestellten MitarbeiterInnen als Probezeit vereinbart um zu sehen, wie gut sich die neue Person in Ihre Rolle einfügen kann. Das bedeutet aber auch, dass es einen Regisseur braucht, der in dieser Phase unterstützt und die Vorzüge der Person bestmöglich zur Entfaltung zu bringt. Allein daran erkennt man, dass die Rolle einer Teamleiterin/Abteilungsleiterin bereits viel weniger mit dem produzierenden Kerngeschäft als mit der Führung von MitarbeiterInnen zu tun hat. 

Kulturelles
Die Art und Weise wie in einer Organisation miteinander gearbeitet wird, wie Probleme gelöst und Kundenwünsche erfüllt werden, lässt sich unter dem Begriff Unternehmenskultur zusammenfassen. Diese Kultur wird durch das Vorzeigen einiger und das Verhalten aller Mitarbeiter geprägt. Je intensiver an dieser Kultur gearbeitet wird umso höher ist der Beitrag der in die Wahrnehmung von außen eingezahlt wird und langfristig das Bestehen und den Erfolg sichert. Interessant wird es, wenn Gründer/innen aus einem gewachsenen Unternehmen ausscheiden. 

Fällt der Apfel weit vom Stamm?
Erst vorgestern wurde bekannt, das Apples Chefdesigner Jony Ive das Unternehmen verlässt. Er hat seit dem Wiedereinstieg von Steve Jobs bei Apple maßgeblich an der Entwicklung aller Hardwareprodukte mitgewirkt und zuletzt auch Apple Park (das neue Bürogebäude) und das neue Store-Design  entworfen. Diese über mehr als zwanzig Jahre hinweg erbrachte Leistung hat nicht nur bei Apple intern sondern auch in der ganzen Technologiewelt ihre Spuren hinterlassen. Was passiert also wenn die Besetzung so einer Hauptrolle das Stück verlässt? Wie im Theater gibt es auch in Unternehmen Zweitbesetzungen die diese Rolle dann übernehmen und meist aus dem direkten Umfeld stammen. Die Leistung von Jony Ive wird also auch daran zu messen sein, wie gut er in den letzten Jahren die Unternehmenskultur und in seinem Bereich die Designsprache an seine Nachfolger weitergeben konnte. 

Rollenwechsel
Ich erinnere mich an die hektische Berichterstattung, als im letzten Jahr Tobias Moretti bei den Salzburger Festspielen krankheitsbedingt aussetzen musste und in Windeseile Philipp Hochmair als Ersatz gefunden wurde. Das gelang, weil er den Text der Rolle (=die Aufgaben in der Rolle) schon zum Großteil kannte und zur Unterstützung den Rest per Funkohrhörer souffliert bekam. Die Leistung, mit nur knapp dreißig Stunden Vorbereitungszeit so etwas auf die Bühne zu stellen, ist deswegen hoch anzuerkennen, weil auch das restliche Ensemble ihre Rollen in genau so kurzer Zeit etwas anpassen musste. Wie man weiß, wurde es einen fulminanter Auftritt zur großen Freude aller Beteiligten und Zuseherinnen. 

Je klarer allen RolleninhaberInnen das Stück ist, um so leichter lassen sich Rollenwechsel verkraften und dabei neue Impulse für notwendige Anpassungen und Veränderungen in eine Organisation bringen. Auch und vor allem in den kleinen Nebenrollen. 

Ihnen eine einfach gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.