einfach.wöchentlich #114 | ESC(ape)-Taste

Posted on Mai 19, 2019

ESC(ape)-Taste 

Diese ESC(ape)-Taste auf jeder Tastatur ist eine großartige Erfindung. Sie zu drücken mag im ersten Moment einen Rückschritt bedeuten. Ab dem zweiten Moment erkennt man aber die sich wieder neu eröffnenden Möglichkeiten einen anderen Weg einzuschlagen.

Rückschritt
Wer schon mal im Rijksmuseum in Amsterdam das Gemälde „Nachtwache“ von Rembrandt gesehen hat weiß, dass in dem Ausstellungsraum einen Sweetspot gibt, von dem das Gemälde in seiner Gesamtheit optisch am besten erfassbar ist. Steht man zu weit weg, entgehen einem diverse Details, steht man zu nahe, dann verliert man den Blick fürs Ganze, die Geschichte und Bildkomposition mit all ihrer Raffinesse. Ein Schritt zurück ist also auch von Vorteil wenn man sich seiner Position und Richtung nicht mehr sicher ist. In jeder Art von Entwicklung gibt es viele solcher Momente. 

Kurzfristig vs Langfristig
Natürlich nimmt so ein Rückschritt in dem Moment die aufgenommene Fahrt aus der Entwicklung und verlangsamt den Fortschritt. Es sagt einem aber der Hausverstand, dass nur ein Schritt zurück weniger Zeit verbraucht, als zig Schritte zurück zu einem späteren Zeitpunkt. Nur ein Grund warum die meisten Innovationsmethoden iterativ aufgebaut sind und zu jeder Zeit ein Schritt (oder auch mehrere) zurück gemacht werden können und auch sollen. Die Evolution macht uns diese iterative Vorgehensweise seit Millionen von Jahren vor. Und sie ist nie schlecht damit gefahren. 

Fortschritt
Ein wesentlicher Fortschritt unserer Zeit, maßgeblich unterstützt durch die Digitalisierung, ist die Möglichkeit Szenarien zu simulieren ohne Ressourcen zu verschwenden. Produkte werden am Computer entwickelt und die Konstruktion auf diverse Beanspruchungen geprüft noch lange bevor ein Prototyp gebaut wurde. Zunehmend werden auch schon ganze Abläufe simuliert und bewertet bevor noch ein einziger Prozessschritt in die Realität umgesetzt wurde. Eines der bekanntesten Beispiele sind Flugsimulatoren die zur Ausbildung und Weiterbildung von Piloten eingesetzt werden ohne dafür teure Flugstunden zu verbrauchen und/oder die Umwelt zu belasten. 

Persönliches ESC(aping)
Wenn einem manchmal alles zu viel wird, ist das Gefühl flüchten zu müssen nichts Ungewöhnliches. Trotzdem haftet dem Begriff etwas Negatives an, dass den positiven Aspekt, nämlich anderswo neue Eindrücke und Informationen zu sammeln und mit neuem Blick auf die alte Situation zurück zu kommen, überdeckt. Gerne wird dann von Feigheit gesprochen sich der Situation nicht stellen zu wollen. Feigheit ist es nur dann, wenn man sich nicht aktiv mit der Situation beschäftigt, andere vorschickt und darauf hofft, dass sich die Situation von alleine wieder bessert. 

One more (personal) thing …
Für alle Österreicherinnen und Österreicher war und ist das kein unspannendes Wochenende. Auch nicht für alle Europäerinnen und Europäer, denn heute in einer Woche ist EU-Wahl. Ein sehr wichtiger Termin um eine aktuelle Bewegung in Europa einzudämmen, besser noch aufzuhalten, die nicht nur einen Rückschritt sondern eine ganze Rückwärtsbewegung in allem was wir uns politisch und gesellschaftlich die letzten Jahrzehnte mühsam aufgebaut haben, anstrebt. 

Zweifelsohne ist noch nicht alles so wie wir es gerne hätten. In vielen Bereichen des Projektes EU sind einzelne ESCapes im obigen Sinne notwendig, um Verbesserungen durchzuführen die uns weiter bringen. Ihre und meine Aufgabe ist es, an der Wahl teilzunehmen und zuvor – mit einem kleinen Schritt zurück – sich wieder das große Ganze zu vergegenwärtigen anstatt sich von populistischen Details wie Gurken- und Pommes-Verordnungen blenden zu lassen. Gehen Sie einfach wählen. 

 

Ihnen eine einfach gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher 

Macht es einfach.