einfach.wöchentlich #110 | Digitalbewusstsein

Posted on April 21, 2019

Digitalbewusstsein

Vor 47 Tagen habe ich meine Aktivitäten in diversen sozialen Netzwerken unterbrochen und die Fastenzeit für eine Digitalminimierung genutzt. Mein abschließendes Zwischenfazit: es geht auch ohne. 

Bewusstsein schaffen
Zu Beginn stand eine Art Standortbestimmung mit Hilfe des Tracking der Bildschirmzeit. Dabei ist nicht nur die Gesamtsumme erschütternd augenöffnend sondern auch die Aufteilung auf diverse Apps sehr interessant. Da ich momentan vorwiegend mein iPad und iPhone nutze, fällt die wenige Zeit auf meinem Laptop nicht so ins Gewicht. Auch wenn mir die Aufzeichnung der Zeit noch nicht ganz klar ist (wird die gesamte Zeit in der eine App geöffnet ist aufgezeichnet oder nur die Zeit die sie aktiv benutzt wird), feststeht das es jedenfalls zu viel Zeit war die man die Geräte nutzte. Wenn jemand unter Ihnen gerne ebooks auf einem der Devices konsumiert, kann das die Zeit noch mehr in die Höhe schrauben, wenn gleich es eine produktivere Nutzung darstellt. Trotzdem bleibt der körperliche Effekt, dass Lesen von einem Bildschirm uns mehr anstrengt als von einem papiergebundenen Buch.

Selbstbeschränkung
Jede Verhaltensänderung benötigt Zeit um für uns als neue Normalität zu gelten. Um diese Zeit der Umgewöhnung einfacher zu gestalten, helfen selbstbeschränkende Maßnahmen die einem das zurückfallen in die alte Gewohnheit möglichst schwer machen. Auf den mobilen Endgeräten ist das durch Festlegung von fixen Bildschirmzeiten möglich. Außerhalb dieser Zeit muss man für die Nutzung der Apps die bewusste Entscheidung treffen das Limit aufzuheben. Entweder nur durch einen Click oder sogar durch Eingabe eines Code. An der Stelle meine Hochachtung an alle jene unter Ihnen die ohne solche Maßnahmen auskommen und durch „einfach nicht mehr tun“ das gleiche Ergebnis erreichen. 

Twitterlos
Wenn Sie Twitter nicht nutzen, überspringen Sie bitte einfach diesen Absatz.

Viele Twitterati kennen das Verhalten abends bei den Fernsehnachrichten Twitter als second screen bei der Hand zu haben um die Nachrichten und Interviews mit Studiogästen simultan zu kommentieren. Es ist durchaus befreiend, sich durch tippen und abschicken seiner Meinung Luft zu verschaffen. Kurzfristig. Wenn Sie es mal eine Zeit ohne diese Möglichkeit probiert haben, werden Sie feststellen, dass zuerst darüber nachzudenken und zu reflektieren durchaus zu anderen Ergebnissen führen kann. Zugegeben, es gab Momente in denen ich stattdessen in Richtung Fernseher lauter artikulierte was mich gerade aufregte. Noch besser geht es einem wenn man öfters diese Informationen erst gar nicht konsumiert. Durch Zufall erfuhr ich von dem Brand in Notre Dame erst am Montag in den Spätnachrichten. Zu dem Zeitpunkt war schon etwas mehr an Informationen vorhanden und die Studiogäste konnten daher sehr fundiert und auf den Punkt Auskunft geben. Ich bin sicher, zu dem Zeitpunkt war der erste Aufregungstsunami schon durch Twitter durchgeschwappt. 

Kontaktlos
Da ich auch auf Facebook und Instagram verzichtete, reduzierte sich der Kontakt auf Telefon, Email und WhatsApp bzw. SMS. Obwohl das immerhin noch vier Kommunikationskanäle sind, reduzierte sich das Kontaktaufkommen dramatisch. Das zeigt, wieviel sich an „Kommunikation“ inzwischen in den sozialen Medien abspielt. Interessanter Weise habe ich inzwischen nicht das Gefühl großartig etwas verpasst zu haben. Im Gegenteil. Auch wenn wir es nicht offen zugeben, so zeigen sich die meisten doch von Ihrer besten Seite und posten nur die tollen und coolen Erlebnisse. Sehr unterschwellig wirkt das auf unsere Wahrnehmung und befördert das stetige Vergleichen. Das kurzfristige gute Gefühl bei einem Like wird durch das betrachten der lässigen Strandfotos der anderen zerstört. Zuckerbrot und Peitsche im Sekundentakt. Der gesunde Menschenverstand sollte uns sagen, dass das auf Dauer nicht gesund ist. 

Lange Weile
Reduziert man nun die Zeit vor dem Bildschrim, stellt sich unweigerlich die Frage was man mit der freien Zeit macht. Auch wenn jeder Tag immer nur 24 Stunden hat, wir finden immer Mittel und Wege am Ende doch zu wenig Zeit zu haben. In der Hinsicht sind wir Menschen sehr kreativ. Apropos kreativ: wann haben Sie sich zuletzt so richtig gelangweilt? Das was von außen betrachtet als langweilig aussieht, ist in Wirklichkeit die Chance für unser Gehirn sich ablenkungsfrei mit den wirklich wichtigen Gedanken zu beschäftigen. Antworten auf Fragen zu finden, für die wir schon länger nach solchen suchen. Warum haben wir oft morgens unter der Dusche plötzlich Antworten parat? Nun, weil das Gehirn die ganze Nacht ohne Unterbrechung und Ablenkung Zeit hatte, darüber nachzudenken. Aus dem gleichen Grund sind viele bekannte Philosophen stundenlang spazieren gegangen um in Ruhe ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Gerade in der heutigen Wissensgesellschaft wird es immer wichtiger, sich Zeit und Raum zum nachdenken zu schaffen. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal ein Großraumbüro betreten oder gar eines gestalten sollen. Vielleicht doch nicht mehr der Weisheit letzter Schluß. 

Zwischenfazit
Ich habe für mich herausgefunden, dass es durchaus der Lebensqualität dienlich ist, nicht mehr so abgelenkt zu werden. Die Zeit ein Buch zu lesen, aufmerksam Musik zu hören statt davon nur berieselt zu werden, sich bewusst einen Film anzusehen ohne nebenbei zu kommentieren oder anderer Leute Statusmeldungen zu liken hat einfache eine andere Qualität. Meine Überlegungen, wie ich diverse soziale Medien zukünftig nutzen werde, habe ich noch nicht abgeschlossen. Realistisch gesehen, wird es auch nicht die eine Herangehensweise geben sondern eine, die sich mit der Zeit ändert. Einerseits weil sich die Medien ändern und andererseits weil wir uns ändern. Eines kann ich aber mit Sicherheit sagen und Ihnen auch empfehlen: 

Was immer man tut, eine Pause tut einfach gut.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Ostermontag und eine einfach gute Woche, 

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.