#165 | Lernkurve

Posted on Mai 10, 2020

Lernkurve. Vereinfacht ausgedrückt beschreibt eine Lernkurve das Verhältnis zwischen einem Lernerlebnis und der Zeitspanne die es benötigt, dieses Lernerlebnis im Alltag praktisch anzuwenden. Wer als Kind einmal auf eine heiße Herdplatte gegriffen hat, weiß was ich meine. Haben wir uns zu Beginn dieser Pandemie noch im #flattenthecurve geübt, stehen wir nun vor der Herausforderung wie rasch wir unsere Lehren daraus ziehen und wie lange diese in unserem Verhalten verankert bleiben.

Homeoffice
Was zu Beginn mit erheblichen Problemen, organisatorisch wie technisch, behaftet war, ist inzwischen zum fixen Bestandteil der breiten Masse geworden. Bei jenen, die einen Job haben der Homeoffice zulässt, haben sich die Vorteile des Arbeitens von daheim positiv bemerkbar gemacht. Es braucht weniger Zeit fürs Pendeln zur Arbeit und die Zeit die man in Telekonferenzen verbringt wird gefühlt effizienter genutzt als bei persönlichen Meetings in schlecht beleuchteten und belüfteten Besprechungsräumen.

Selbständigkeit
Da nun viele KollegInnen und Führungskräfte nicht sofort greifbar sind, entscheiden einige MitarbeiterInnen öfters einfach selbst. Manche anderen Entscheidungen werden gar nicht getroffen weil sie momentan einfach nicht wichtig genug sind. Diese unbeabsichtigte Vorselektion hilft bei der Fokussierung auf das was wirklich wichtig ist.

Diese beiden Lernkurven werden ziemlich sicher länger Bestand haben und mit positiven Erinnerungen in unserem Gehirn bleiben. Es gibt aber auch andere Verhaltensweisen, die bei weitem weniger nachhaltig praktiziert werden.

Respektabstand
Aufgrund der geringen Anzahl an Fahrgästen in den öffentlichen Verkehrsmitteln war das Abstand halten zu Beginn eine leichte Übung. Bei manchen spielte sicher auch ein wenig die Angst vor Ansteckung mit. Jetzt, mit Lockerung der Ausgangsbeschränkungen, ändert sich das Bild wieder. Die Anzahl jener, die einen nicht erst aussteigen lassen sondern sich gleich dicht an einem vorbei ins Fahrzeuginnere drängen, ist schon wieder im Anstieg begriffen. Das hat schon davor nichts mit einem Virus zu tun gehabt sondern nur mit mangelndem Respekt und Rücksichtslosigkeit.

Fremdschutz ist Selbstschutz
Immer häufiger sieht man Menschen mit Masken die lässig, das Doppelkinn verbergend, um den Hals oder an einem Ohr hängend, getragen werden. Das mag cool aussehen, hilft aber weder denen die den Schutz benötigen würden noch den lässigen TrägerInnen die glauben selbst immun zu sein. Offensichtlich war die Ansteckungsrate noch zu niedrig um bei einer kritischen Masse an Menschen für dieses Problembewusstsein zu sorgen. Erst wenn in der engeren Verwandtschaft oder Freundeskreis jemand betroffen war, setzt der Lerneffekt ein und die Lernkurve steigt steil nach oben an.

Abhängigkeit
Die Globalisierung hat uns Zugang zu einer Vielfalt an Produkten und Dienstleistungen gebracht. Aufgrund der unterschiedlichen Kostenstrukturen sind zum Teil ganze Industrien in andere Länger bzw. Kontinente gewandert. Die Pandemie hat uns nun die Kehrseite dieser Entwicklung gezeigt. Wenn aus welchen Gründen auch immer, dieser Zugang nicht mehr vorhanden ist und davon auch wichtige Produkte, wie zum Beispiel Schutzmasken, betroffen sind, wird eine kritische Abhängigkeit sichtbar die ein jedes System ins wanken bringt. Noch kritischer ist es, wenn neben der Produktion auch das Wissen in andere Bereiche abwandert. Man kann argumentieren, dass in einer aufgeschlossenen, kooperativ agierenden Welt es kein Problem sein sollte, wenn man sich auch kontinental übergreifend hilft. Diesen Idealzustand gibt es leider nicht einmal in Europa und schon gar nicht in Bezug auf die anderen Weltmächte oder Bündnisse.

#raisingthelearningcurve
Es gibt also noch genug Anlässe um aus dieser Krise zu lernen. Nicht nur im globalen Kontext sondern auch auf der unmittelbaren Ebene in der Familie und im Arbeitsumfeld. Vielleicht nützt ja die eine und der andere die Gunst der Stunde um in Ruhe darüber nach zu denken. Was hat sich durch diese Krise zum Positiven geändert? Worin sind wir schon wieder am Weg zum „business as usual“ wie vor der Krise obwohl wir da schon nicht damit zufrieden waren? Welche kritischen Abhängigkeiten sind offensichtlich geworden und wie wollen wir dem in Zukunft begegnen? Wie können wir es uns ab nun einfacher machen?

Ihnen eine einfach gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht Digitales einfach.