#162 | Normalität

Posted on April 19, 2020

Normalität ist relativ. Das, was noch vor ein paar Wochen normal war, ist es nun nicht mehr und wird es in ein paar weiteren Wochen auch nicht mehr sein. Warum suchen wir nach der neuen Normalität wenn sie gar nicht lange bleibt?

Die alte Normalität
Vor ein paar Wochen war unser aller Arbeitsalltag und unsere Freizeit noch normal. Jene von uns die einem Bürojob nachgehen, standen wochentags in der Früh auf, fuhren ins Büro, kamen Abends wieder heim und widmeten sich dem Familienleben oder ihren Freizeitaktivitäten. Am Wochenende sah die Normalität leicht anders aus. Manche gönnten es sich auszuschlafen, unternahmen Ausflüge oder betätigten sich sportlich oder kulturell. Das alles geschah im physischen Zusammensein mit vielen anderen Menschen – manchmal gewollt und manchmal weniger gewollt. Es war normal sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln hinein oder hinaus zu drängen genauso wie im Supermarkt an der Kassa mit dem Einkaufswagen sich gegenseitig in die Hacken zu fahren. Einfach ganz normaler Alltag eben.

Die Zäsur
Bedingt durch die Ausgangsbeschränkungen und das in Dauerschleife propagierte social distancing, war plötzlich viel mehr Raum für die paar wenigen vorhanden, die noch öffentlich unterwegs sein durften oder mussten. Der [Respekt]Abstand beim Einkauf und in den öffentlichen Verkehrsmitteln war plötzlich ungewohnt. Man ging sich gegenseitig aus dem Weg. Selbst im Freien wechselte man freiwillig die Straßenseite wenn der Gehsteig nicht breit genug war. Manchmal kam mir dabei der Gedanke, dass es sich so anfühlen muss wenn man ausgegrenzt wird. In der konkreten Situation notwendig aber trotzdem nicht angenehm.

Raumgefühl
Was sich im öffentlichen Raum sehr entspannt anfühlte, konzentrierte sich nun in den eigenen vier Wänden. Für allein lebende änderte sich an der Raumsituation nichts. Die Einschränkung, sich im Sinne der Allgemeinheit nicht mehr persönlich treffen zu dürfen, nagt auch an ihnen. Im Gegensatz dazu sind Familien mit Kindern stark herausgefordert, den nicht übermäßig vorhandenen Platz daheim nun den ganzen Tag teilen zu müssen. Zuvor hatte jeder zumindest tagsüber seinen Abstand zum Rest der Familie. Erschwert wurde diese Situation noch durch die Tatsache, dass man nicht nur daheim wohnt, sondern nun auch arbeiten und lernen sollte. Die wenigsten Haushalte sind dafür weder räumlich noch infrastrukturell ausgerüstet. Selbst viele Unternehmen waren dafür nicht ausgerüstet, viele MitarbeiterInnen von daheim arbeiten zu lassen.

Die neue Normalität
Nach etlichen Anlaufschwierigkeiten ist es nun normal, sich daheim in der Früh vor den PC zu setzen, ins Firmennetzwerk einzuklinken und, über die unterschiedlichsten Kommunikationskanäle verbunden, mit den KollegInnen gemeinsam zu arbeiten. In den Supermärkten ist es normal, beim Eingang einen Desinfektionsmittelnspender vorzufinden und möglichst mit Abstand zu anderen einzukaufen. Bezahlt wird, von maskiertem Angesicht zu Angesicht, verstärkt bargeldlos. In den Verkehrsmitteln ist das Abstandhalten eingeübt.

Neue natürliche Normalität
Auch die Natur hat sich ziemlich rasch an die neue Normalität angepasst. Tiere erobern sich ihren ursprünglichen Lebensraum zurück und die Luftqualität steigert sich wesentlich auf Grund des geringeren Verkehrsaufkommens und Industrieproduktion. Auch wenn das vermutlich nicht lange so bleiben wird zeigt es aber, welche Auswirkungen eine andere menschliche Verhaltensweise haben kann.

Die andere Normalität
Nachdem man Zukunft nicht vorhersehen aber sehr wohl gestalten kann, stelle ich mir die Frage, welche Aspekte dieser neuen Normalität wir längerfristig in unserem Verhalten verankern sollten. Wir können davon ausgehen, dass die aktuelle Krise überwunden sein wird. Spätestens dann, wenn es einen wirksamen Impfstoff gibt. Was uns dann aber immer noch beschäftigen wird, sind die Folgen für Wirtschaft und Umwelt. Es braucht eine intelligente Kombination aus wirtschaftlichem Aufschwung in umweltverträglicher Form. Der Virus geht, aber die Klimaveränderung bleibt. Das wir sie positiv beeinflussen können, haben die letzten paar Wochen unbeabsichtigt gezeigt.

Ich kann mir vorstellen, dass zukünftig normal sein wird, einen Teil der Arbeitszeit von daheim zu erledigen oder von daheim zu lernen. Wenn es normal ist, dass man bei einem viralen Infekt einfach daheim bleibt um sich selbst und andere vor einer Ansteckung zu schützen, steigert das die Produktivität am Arbeitsplatz. Es reduziert die Infektion anderer Menschen am Weg zur Arbeit und in der Arbeit die Ansteckung der KollegInnen. Zudem reduziert es den Verkehr und schon damit die Umwelt. Gleiches gilt für Kinder die in so einer Situation keine Infektion in den Kindergarten oder Schule tragen. Das alleine wäre in Summe schon eine sinnvolle neue Normalität.

Um das zu ermöglichen, braucht es die entsprechenden Maßnahmen in den Unternehmen und Organisationen. Vor allem braucht es aber das gemeinsame Verständnis und Akzeptanz dafür. Eine Entwicklungsaufgabe für alle Führungskräfte. Normalität ist eine Entwicklung die niemals still steht.

Ihnen eine einfach gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.