#160 | Tipping Point

Posted on April 5, 2020

#160 | Tipping Point

Als Tipping Point bezeichnet man jenen Zeitpunkt zu dem eine Entwicklung beginnt sich schlagartig zu ändern. Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit, als Sie sich noch so anstrengen konnten und ein bestimmter Lernstoff einfach nicht in Ihr Hirn wollte? Und dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen, fiel es Ihnen ganz leicht sich etwas zu merken oder eine mathematische Formel zu rechnen als hätten Sie ihr ganzes Leben nie etwas anderes gemacht. Der Tipping Point war erreicht.

Kontinuität
Das wir Menschen Gewohnheitstiere sind, ist allgemein bekannt. Wir sind zwar grundsätzlich sehr anpassungsfähig, aber es braucht Zeit diese Anpassung anzunehmen und zu verinnerlichen. Ganz besonders dann, wenn wir etwas machen sollten aber nicht unbedingt müssen. Mit Zwang erreicht man diese Anpassung natürlich schneller wie wir gerade an den uns auferlegten Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 gut erkennen können. Dennoch konnte man auch hier in den ersten Tagen beobachten, dass sich manche Menschen rascher als andere daran gewöhnt haben, nicht mehr ungeschützt in die Gegend zu niesen.
Die kontinuierliche Erinnerung über alle möglichen Medien, Ansagen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, Zeitungen, Plakate und dergleichen mehr hilft das in unserem Kopf zu verankern.

Vorbildwirkung
Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, vor Schuldkindern nie die Straße bei Rot zu überqueren. Wir alle sind immer Vorbild. Es gibt nur wenige die sich dem Gruppendruck widersetzen. Wenn Sie in einem Selbstbediendungsrestaurant nach dem Essen Ihr Tablett wegräumen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es die Gäste am Nebentisch auch machen um einiges gestiegen. Wann immer Sie meinen, alle anderen haben sich so oder so zu verhalten und Sie selbst halten sich nicht daran, erzeugen Sie in den Köpfen anderer eine kognitive Dissonanz. Sehr oft führt das dazu, dass sich eine [von Ihnen] gewünschte Veränderung nur sehr langsam oder nie einstellt.

Durchhalten
In den letzten beiden Jahrzehnten hat die Aufmerksamkeitsspanne bei jedem von uns abgenommen. Wenn wir jemanden eine Kurznachricht schicken und nicht quasi postwendend eine Antwort bekommen, werden wir leicht unrund. Posten wir etwas in den diversen sozialen Medien und bekommen nicht zeitnah ein Like, werden wir nervös. Ich nehme mich da selbst gar nicht aus. Deswegen praktiziere ich auch ein Mal im Jahr meine Digitale Fastenzeit um mich absichtlich einer Art Entzug zu unterziehen. Man könnte es auch Social Media Distancing nennen. Es hilft, wieder leichter mit längeren Phasen ohne Rückmeldung auszukommen. Das bedeutet, dass wir längere Phasen der Ungewissheit durchhalten können.

Das neue Normal
Bei vielen aktiv angestrebten Entwicklungen haben wir alle, oder zumindest eine kleine Gruppe an Menschen, eine Vorstellung davon wie sich nach dem Tipping Point das Verhalten vieler ändern wird. Im konkreten Fall der Covid-19 Pandemie ist diese Vorstellung noch etwas verschwommen. Viele wünschen sich natürlich, dass sie wieder in ihren Job zurückkehren und einfach wie zuvor weiter machen können. In manchen Bereichen wird das stimmen und sogar notwendig sein. In einigen anderen Bereichen wird es aber notwendig sein, vieles zu hinterfragen und aus der Krise zu lernen. Ich hoffe zumindest, dass gewisse Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit beibehalten bleiben. Das Abstand halten beim Ein- und Aussteigen in öffentliche Verkehrsmittel ist schon sehr angenehm. Die Sache mit dem Home-Office müssen einige noch lernen. Dazu aber mehr in einer der kommenden Kolumnen.

Fast geschafft
Zumindest in Österreich sieht es so aus, als wären wir kurz vor dem Tipping Point ab dem die Genesungsrate die Rate der Neuinfektionen übersteigt und damit unser Gesundheitssystem entlastet wird. Mit einer noch nie da gewesenen gemeinschaftlichen Anstrengung wird es gelungen sein, eine Ausbreitung so einzudämmen, dass der Tipping Point, an dem unser Gesundheitssystem kollabiert, nicht erreicht wurde. Noch sind wir nicht da. Deshalb wäre es jetzt fatal, so kurz vor dem Ziel aufzugeben und wieder in die alten Gewohnheiten zurück zu fallen.

Halten Sie Abstand. Halten Sie durch.

Ihnen eine einfach gute Karwoche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

Macht es einfach.