#152 | Vorbildwirkung

Posted on Februar 9, 2020

#152 | Vorbildwirkung

Verlassen Sie diesen Ort so wie Sie ihn gerne vorfinden möchten. Ein oft verwendeter Toilettenspruch der viel zu wenig Beachtung findet. Nicht nur am stillen Örtchen sondern auch an anderen Orten beginnt Vorbildwirkung bei uns selbst.

Im SB Café
Alltagsbeobachtungen sind ein Steckenpferd von mir. Man lernt viel über die Menschen und ihr Verhalten und wie dieses Verhalten anderer Menschen Verhalten beeinflusst. Erst gestern saß ich in einem amerikanischen SB-Cafè und beobachtete schon in der Schlange beim Bestellen das Geschehen im Lokal. Es war viel los und das Personal hatte alle Hände voll zu tun die Bestellungen abzuarbeiten. Darunter litt die Frequenz in der ein/e Mitarbeiter/in durchs Lokal ging und die verlassenen Tische von ihren Hinterlassenschaften zu befreien. Interessant war, dass die noch voll geräumten Tische von neu ankommenden Gästen gemieden wurden. Und falls an einem Tisch nur eine Tasse oder Becher stand, wurde der am nächsten Tisch zum anderen schmutzigen Geschirr gestellt. In den meisten Fällen stand das Geschirr auf einem Tablett. Es wäre also ein Leichtes gewesen, das Tablett zur Theke, die an keinem Punkt des Lokals mehr als zehn Meter entfernt war, hinzubringen.

Vorbildwirkung
Als ich an der Theke auf meinen Espresso Doppio wartete, fiel mit neben dem Strohhalmspender ein Haufen zerknüllter Strohhalmverpackungen auf. Zirka einen Meter davon entfernt, am Thekenende, stand ein Behälter auf der Theke mit der Aufschrift „Abfall“ in dem schon ein paar dieser Strohhalmverpackungen deponiert waren. Da macht man sich schon seine Gedanken, wo die Menschen beim entgegennehmen Ihrer Getränke mit den Gedanken sind um das nicht wahrzunehmen. Zurück zu den angeräumten Tischen. Ich habe während meiner Wartezeit einen Tisch in der Ecke erspäht auf dem zwei leergetrunkene Tassen und ein Wasserbecher standen. Erwartungsgemäß wurde der nicht von jemand anderen in Beschlag genommen. Mein Tablett dort abzustellen, die beiden Tassen und den Becher zu Theke bringen und wieder zurück gehen und mich hinsetzen dauerte keine zwanzig Sekunden. Während ich dann meinen Espresso trank, beobachtete ich wie eine Mitarbeiterin dann ein paar Tische abräumte. Trotzdem fanden es dann zwei junge Burschen nicht wert, ihre beiden Becher wieder zurück zu tragen sondern am Nebentisch abzustellen.

Nudging
Nudging ist der Begriff für eine Verhaltensmotivation die durch (in)direkte Maßnahmen und Anreize gefördert wird. Schon lange in Verwendung sind die in Hotelbadezimmern angebrachten Schilder zur mehrfachen Verwendung von Handtüchern. In Verbindung mit dem Appell an ein umweltschonenderes Verhalten wird uns nahegelegt, nicht jeden Tag frische Handtücher haben zu wollen. Denn weniger Wechsel verursachen weniger Waschvorgänge und daher weniger Transportwege der Reinigungsfirmen. In Selbstbedienungslokalen sind das oft gut sichtbar aufgestellte Rückgabestationen für Tabletts mit der Absicht, dass die Gäste ihr Tablett nach dem Essen dort abstellen und den Tisch leer verlassen. Trotzdem ist es auch da oft zu beobachten, dass sich neue Gäste an einen nicht abgeräumten Tisch setzen und sich dann etwas hilflos und fragend umsehen wann denn nun endlich jemand kommt um abzuräumen. Eine etwas seltsame Erwartungshaltung in so einem Lokal. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mit der selbstgewählten Bezeichnung „Restaurant“ eine Erwartungshaltung erzeugt wird, die das selbst auf- und abräumen nicht beinhaltet?

Selbstveränderung
Täglich lesen wir über anstehende große Veränderungen. Sei es der Klimawandel, die Änderungen im Arbeitsmarkt durch Digitalisierung oder die Disruption ganzer Branchen. Wir stehen oft überwältigt vor diesen Veränderungen und finden keine Ansatzmöglichkeiten etwas zu verändern. Dabei beginnt Veränderung immer bei uns selbst zuerst. Mit Kleinigkeiten. Den Müll den wir produzieren auch wieder wegzuräumen. Wenn uns das zu aufwendig erscheint, denken wir früher oder später vielleicht daran wie wir weniger Müll produzieren könnten. Wenn wir unsere direkte Umgebung als zu abgasbelastet empfinden, nehmen wir vielleicht selbst öfters die öffentlichen Verkehrsmittel statt dem (eigenen) Auto.
Wenn Sie und ich wollen, dass sich unsere Umwelt verändert, müssen wir uns zuerst selbst verändern. Mit jeder Verhaltensweise die wir selbst ändern, fällt es leichter die nächste, größere anzugehen und zu meistern. Je öfter wir das sichtbar für andere praktizieren, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass es uns andere nachmachen. Gehen Sie mit gutem Bespiel voran. Alleine. Daheim mit der Familie. Am Arbeitsplatz. In der Öffentlichkeit. Es kostet zu Beginn nur ein wenig Überwindung. Dann werden wir diesen Ort auch wieder so vorfinden so wie wir ihn vorfinden möchten. Vielleicht sogar schöner.

 

Ihnen eine einfach gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

 

Macht es einfach.