Wieviel analog braucht digital?

Posted on 14. September 2016

>Stadt. Land. Digital.< So heißt das Thema beim diesjährigen Beachcamp SPO zu dem ich morgen aufbreche. Das Beachcamp, ein Barcamp, findet zum zweiten Mal statt und bringt im Schleswig-Holsteinischen Küstenort Sankt Peter Ording (SPO) einen bunten Haufen an Menschen aus der Region, den naheliegenden Städten Hamburg, Kiel, Flensburg und ein paar Exoten wie mich, zusammen um sich gegenseitig auszutauschen und Impulse zu geben.

Es mutet auf den ersten Blick paradox an, dass sich Menschen, die sich zum Thema Digitalisierung austauschen, ausgerechnet persönlich für zwei Tage, old-school-mäßig face-to-face, treffen. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass die inhaltliche Qualität der Kommunikation bei und nach einem ersten persönlichen Treffen drastisch zunimmt. Es liegt wahrscheinlich daran, dass die Generation X noch eine andere Wahrnehmung des Gegenüber gelernt hat, die mittlerweile durch den rasant zunehmenden Gebrauch von digitalen Medien zunehmend verkümmert.

Meiner Beobachtung nach, zieht jede größere Veränderung, wie eben die der anderen Art zu kommunizieren, früher oder später immer eine Gegenbewegung nach sich. Wie ein Pendel, dass zuerst in eine Richtung und etwas später in die Gegenrichtung ausschlägt. So erkläre ich mir die verstärkte Lust sich bei Barcamps, Konferenzen oder TED-Events persönlich zu treffen obwohl man zuvor sich noch das eine und andere Webinar reingezogen und via Skype, Facetime und Co. kommuniziert hat.

Rein technisch betrachtet ist die Digitalisierung von Arbeitsabläufen eine gute Sache. Vieles wird so effizienter, qualitativ höher und der Mensch von sich wiederholenden Routinetätigkeiten entlastet. Doch was bleibt dann über? Welchen Tätigkeiten soll sich der Mensch stattdessen widmen? Der Müßiggang oder das „Dolce far niente“ wären eine sehr gute Alternative. Momentan scheitert das noch etwas an der gesellschaftlichen Akzeptanz, da diese Art der Arbeit nicht als solche erkannt wird. Dabei schrieb schon Soren Kierkegaard: „An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.

Die im Zitat angesprochene Langeweile lässt sich leicht abwenden, wenn sich der Mensch mit der Lösung von Problemen beschäftigt. Dieser Vorgang benötigt kreatives Verhalten und das ist meinem Verständnis nach nie langweilig.

Trotz vieler (digitaler) Werkzeuge, haben wir noch nicht den Spaß an handwerklichem arbeiten verloren. Dazu zähle ich auch Flipcharts gestalten und Wände mit Post-its zu bekleben. Interessanter Weise haben gerade in den letzten Jahren Techniken wie Sketchnotes und Visual Thinking einen enormen Aufwind erfahren. Möglicherweise sind das die Methoden am anderen Ende der Pendelbewegung die wir zum Ausgleich, in Form einer symbolischen Koexistenz, zur Digitalisierung brauchen.

Wieviel analog braucht digital? Solange wir noch unsere fünf Sinne zur Wahrnehmung benutzen und keine Devices die Wahrnehmung digital in unser Gehirn und Nervensystem einspeisen, ist kein Ende der Notwendigkeit für analoge Erlebnisse abzusehen. Ich finde das ist gut so.


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