Personalisieren vs Persönlich

Posted on 8. Juli 2017

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als das Versenden von personalisierten Emails „the next Big thing“ war. Es war nicht nur eine technische Neuerung sondern auch eine Herausforderung in organisatorischer Hinsicht. Schonungslos wurden Missstände in der Datenqualität aufgedeckt und wahrscheinlich jeder kann von Erlebnissen erzählen, in denen er als sie und sie als er adressiert wurde, von falschen Titeln gar nicht erst zu reden. Erstaunlicher Weise passiert das auch heute noch.

Die elektronische Verarbeitung von Daten hat es uns inzwischen ermöglicht, Informationen von Menschen abzufragen oder sie selbst in Formularen erfassen zu lassen um sie dann mehrfach wieder zu verwenden. Für die passende Anrede in jeglicher Kommunikation, der Name gedruckt auf Tshirts oder Verpackungen, ein Notizbuch mit Monogram und vielerlei mehr. Neue Technologien ermöglichen inzwischen sogar schon Lasergravur in Glas, Metall, Holz oder sogar die Schale von diversen Obstsorten zum Zweck eines Aha-Erlebnisses.

Generell hat sich die Industrie von klassischer Massenfertigung auf Massenindividualisierung umgestellt. Wo früher Mindeststückzahlen in die Hunderte gingen, ist heute die Mindeststückzahl auf eins gesunken ohne die Kosten dafür wesentlich zu erhöhen. Diese Technologien ermöglichen es, auf alles und jedes unser Namenschild zu kleben und so zu personalisieren, also einer Person zuzuordnen. Aber ist es deswegen auch persönlich?

Wenn ich am Flohmarkt ein gebrauchtes Buch erstehe, dass eine Widmung mit meinem Vornamen enthält, dann ist es zwar personalisiert aber doch fehlt etwas entscheidendes. Es fehlt die Geschichte die mit dem Buch mitgegeben wurde. Sei es ein Anlass, eine besondere Situation oder eine vorangegangene Geschichte die den Geber und Empfänger verbindet. Es fehlt der persönliche Moment.

Jetzt wird’s persönlich
Im medizinischen Bereich befinden wir uns bereits stark in Richtung des persönlichen (=individuellen) Medikaments. Knochenersatz wird bereits aus biosynthetischem Material in 3D-Druckern hergestellt um passgenau eingesetzt zu werden.
Die Auswertung unseres Browserverlaufs beeinflusst die uns angezeigten Suchergebnisse und Werbungen und Algorithmen treffen eine Vorauswahl im Newsfeed diverser sozialen Medien.

Es gibt aber noch eine andere Form von persönlich. Zu Menschen, mit denen wir persönliche Erfahrungen austauschen, pflegen wir einen anderen Umgang als mit Menschen zu denen kein persönlicher Bezug besteht. Beispielsweise, konnte früher die Greisslerin unsere Wünsche von den Augen ablesen, weil sie uns über längere Zeit beobachtete und interessiert alle Informationen, die wir in Gesprächen erzählt haben, zu einem Gesamtbild zusammengesetzt hatte.

Jede Kommunikation ist eine kleine Geschichte und Geschichten prägen uns seit Menschen gedenken. Oft finden wir uns in Geschichten anderer wieder obwohl wir uns dessen zuvor gar nicht bewusst waren. Sie bringen etwas zu Tage, dass kein Fragebogen oder Fokusgruppe auswerten hätte können. Deswegen funktionieren persönliche Empfehlungen so gut. Vertrauen und ähnliche Wertvorstellungen bieten Anknüpfungspunkte für ähnlich persönliche Erlebnisse.

Personalisierung bedeutet Namenskärtchen bei der Registrierung für ein Event bekommen. Vom Veranstalter begrüßt und auf eine gemeinsames Erlebnis angesprochen werden, ist persönlich.

Wann fühlen Sie sich wohler?

 


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