einfach.wöchentlich #59

Posted on April 29, 2018

Geduld 

Geduldige Menschen, zu denen ich mich auch zähle, werden ja gerne als eher passiv und lahmarschig wahrgenommen. Besonders unter Führungskräften gilt Geduld eher als Makel denn als positive Eigenschaft. Dabei ist es genau umgekehrt. Etwas zu (er)dulden bedeutet, mit einem Zustand einverstanden zu sein obwohl man in der Lage wäre diesen zu verändern oder unterbinden zu können. Also keineswegs passiv sondern eine höchst aktives Verhalten. Wozu als geduldig sein und warum muss man sich darin üben?

Geduldig sein
Für mich bedeutet geduldig sein, sich mit einer Situation so lange auseinander zu setzen, bis ich mit einigermaßen ruhigen Gewissen entscheiden kann, dass ich genug Informationen gesammelt habe und die Situation verstehe. Erst dann treffe ich eine Entscheidung was als Nächstes zu tun ist. Zugegeben, diese Geduldsphase ist weniger eine Gratwanderung als eine vierspurige  Autobahn. Nicht selten werde ich mit mir selbst ungeduldig, doch  rascher eine Entscheidung zu treffen um die Situation zu verändern. Den genau richtigen Zeitpunkt zu erwischen und sich zu hundert Prozent sicher sein alles zu wissen, um richtig zu entscheiden, den gibt es nicht. Es braucht also den Mut zur Lücke.

Geduldsfaden
In Zeiten der Massenablenkung durch alles was an uns und um uns blinkt, piept und vibriert, ist das eine große Herausforderung. Vor allem für jene, die noch vor der Zeit des Internets und Smartphones aufgewachsen sind. Die damaligen Geduldsübungen beschränkten sich auf das Warten aufs Christkind in der Adventszeit. Wer erinnert sich noch an die Zeit, als der Aufbau einer Internetseite über eine 64k Modemleitung in Sekunden gemessen wurde? Heute ist es soweit, dass eine zehntel Sekunde längere Ladezeit einer Seite bei Amazon bereits einen Umsatzverlust von einem Prozent bedeutet. Zum Vergleich: ein Wimpernschlag dauert im Durchschnitt ebenso lang.

Einfach geduldig
Wenn ein Kind laufen lernt, hat es wenig Sinn sich ungeduldig zu verhalten. Das Kind muss unter Anleitung und Hilfestellung selbst lernen zu laufen. Es immer wieder auf den Arm zu nehmen, nur damit man schneller zu seiner Verabredung kommt, ist kurzsichtig. Gras wächst auch nicht schneller wenn man daran zieht. Genau so wenig macht es Sinn, sich beim Boarding eines Flugzeugs vorzudrängen. Es fliegt ohnehin nicht ab bevor nicht alle eingestiegen sind. Sehr wohl macht es aber einen Unterschied den Anweisungen des Personals zu folgen, alle seine Unterlagen bereit zu haben um den Boarding-Vorgang zügig und ohne Unterbrechungen durchzuführen. Oder das Warten beim Arzt. Wenn wir wollen, dass sich der Arzt für uns Zeit nimmt, dann müssen wir diese Zeit auch anderen zugestehen. Tritt ein Notfall ein, dann werden wir auch wollen, dass der Notfall auch gleich behandelt wird. Schließlich könnten wir selbst einmal so ein Notfall sein und würden dann auch nicht warten wollen.

Erdulden wir zu viel? 
Beobachtet man die Empörungskultur in den sozialen Medien, herrscht dort momentan eine reflexartige Ungeduld. Macht ein Gerücht die Runde, wird meist ohne Details zu kennen, sofort die eine eigene Meinung postuliert und eine Kettenreaktion an Folgebekundungen ausgelöst. Das dürfen wir nicht länger erdulden.

Sich in Geduld üben
Paradoxerweise geht das nur durch mehr Geduld. Diese Geduld bedeutet, darauf zu warten bis mehr Fakten vorhanden sind, um den Sachverhalt besser einordnen zu können. Sicher, man könnte ungeduldig bleiben und sofort Aktionen setzen. In vielen Fällen führt das dann zu Fehlentscheidungen und Vorverurteilungen. Denken wir einfach öfter daran, es könnte auch uns selbst betreffen. Dann wären wir sicher froh darüber, dass sich andere etwas mehr in Geduld geübt hätten.

Denkanstößiges für die bevorstehende Woche: 

  • Wann ist Ihnen zuletzt der Geduldsfaden gerissen?
  • War die danach folgende Handlung mittelfristig sinnvoll?
  • Was hätte sich vorher länger in Geduld üben geändert?

Empfehlung: Der Prolog zum Thema Geduld im aktuellen brand eins Magazin

Ihnen einfach eine gute Woche,
Alexander M. Schmid

Der Vereinfacher

P.S.: All jene, die Aktivitäten rund um meinen Salon vermissen: bitte noch etwas Geduld!