einfach.wöchentlich #24

Posted on 27. August 2017

Unterbrechungen

„Entschuldigen Sie, darf ich Sie kurz stören?“ Und schon ist es passiert. Wohin man schaut und egal was man gerade tut, es dauert nicht lange bis eine Unterbrechung die gerade begonnene Tätigkeit stört. Für mich wirklich merkbar wurde das in den 80er Jahren im Kabel-TV in Form der Werbepausen im Privatfernsehen. Schon damals dauerten die Werbepausen gefühlt länger als der ganze Film. Anfangs waren die Pausen noch willkommen um sich etwas zu trinken zu holen oder sich des Getränks wieder zu entledigen. Später stieg der Nervigkeitslevel jedoch spürbar an.Werbeunterbrechung
Heute, 20 Jahre später, werden wir inzwischen ununterbrochen von von Werbung und anderen Aufmerksamkeitsfallen unterbrochen. Was früher der „share of wallet“ KPI (key performance indicator) war, ist heute der „share of attention“ KPI. Es wird immer schwieriger, sich auf etwas oder jemand zu konzentrieren und in Ruhe zu arbeiten. Gerade Werbung, die einem Vorteile eines Produkts auf positivem Wege schmackhaft machen will, beginnt mit einem negativ wahrgenommenen Eindruck in Form einer Unterbrechung. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber Werbungen die zum Beispiel vor einem YouTube-Video ablaufen, nehme ich nicht mehr wahr sondern fokussiere mich auf den Counter der mir anzeigt, ab wann ich das Video endlich abspielen kann. Die Wirksamkeit einer solchen Werbung würde ich als Werbender durchaus hinterfragen zumal in den seltensten Fällen der Zuseher im richtigen Moment erwischt wird. Bier- und Autowerbungen vor, zwischen und nach Fußballspielen funktionieren da derzeit noch sicher besser. (Das bei steigendem Anteil weiblicher Zuseherinnen von Fußballübertragungen noch niemand auf die Idee kam, Produkte zu bewerben die vorrangig von Frauen gekauft werden, wundert mich)Selbstgemachte Unterbrechungen
Ich habe auf meinem Smartphone ca 100 Apps installiert. Hätte ich bei allen Apps die vorgeschlagenen Notifications aktiviert, würde ich alleine durch das wegwischen sicher eine viertel Stunde pro Tag vergeuden. Nimmt man noch die unzählig möglichen Notifications am PC hinzu, wird es ohne eigenhändiges Eingreifen de facto unmöglich für einen auch noch so kurzen Zeitraum nicht abgelenkt zu werden. Die ursprünglich zur Verbesserung der Kommunikation gedachten Großraumbüros haben sich auch nur teilweise als Segen erwiesen. Das vor allem jüngere Menschen inzwischen mit Kopfhörern vor dem PC sitzen zeigt, dass sie die Umgebung ausblenden wollen um konzentriert arbeiten zu können, selbst wenn sie sich dabei mit (lauter) Musik beschallen.

Dringend / wichtig
Um nicht in diese Aufmerksamkeitsfallen zu tappen, hilft die Einteilung mit einer einfachen 2×2 Matrix die sich in die Felder dringend&wichtig, nicht dringend&wichtig, dringend&nicht wichtig und nicht dringend/nicht wichtig aufteilt. Je nach Situation lassen sich dann die gewünschten Unterbrechungen festlegen (z.B. das Annehmen eines wichtigen Anrufs) und alles andere ausblenden. Das gleiche Vorgehen lässt sich auch bei persönlichen Gesprächen gut anwenden. Simon Sinek hat von einer praktische Methode erzählt um die Motivation zu erhöhen, bei privaten Treffen nicht andauernd auf sein Smartphone zu schauen: alle legen Ihr Smartphone auf einem Stapel auf den Tisch und wer zuerst danach greift bezahlt die Lokalrechnung des Abends. Da muss es schon sehr wichtig sein, dass jemand diesen Aufwand in Kauf nimmt.

(Digital) Detox
(Ganz) Früher war der Aktionsradius durch die Länge des Telefonkabels bestimmt. Heute ist dieser Radius auf die Reichweite des Mobilfunknetzes angewachsen. Selbst im Flugzeug ist es inzwischen möglich online zu sein. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen sich ab und an Auszeiten verordnen und offline gehen. Inzwischen bieten Hotels Zimmer ohne jegliche Telefon- und Internetverbindung an damit die Gäste abschalten und sich mehr analogen Betätigungen widmen können.

Wenn man sich die unzähligen Fotos auf Instagram, Facebook & Co. so ansieht, frage ich mich, wieviele Menschen die Fotos primär für andere machen und wieviele die festgehaltenen Momente wirklich wahrnehmen und genießen. Früher hatte man noch eine natürliche Begrenzung durch die Anzahl an Filmrollen die man dabei hatte. Heute macht man einfach Fotos ohne nachzudenken – kostet ja nichts. Falsch. Es kostet Aufmerksamkeit und unterbricht uns im einfach sein und genießen.

Denkanstößiges für die bevorstehende Woche

  • Wie oft werden Sie tagsüber unterbrochen?
  • Wie oft unterbrechen Sie andere (un)wissentlich?
  • Wo/wann finden Sie am ehesten Ruhe um ungestört zu arbeiten / nachzudenken?

Ihnen einfach eine gute Woche,

Alexander M. Schmid
Der Vereinfacher

P.S.: Emails wie diese sind auch eine Unterbrechung. Stellen Sie einfach die Notification und Anzeige der ungelesenen Emails ab. Noch besser: lesen Sie nur zwei Mal täglich Ihre Emails. Alles zu seiner Zeit.

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